Der dritte Beitragszahler liefert

Die Kapitalerträge finanzieren auf lange Sicht zu einem wesentlichen Teil die berufliche Vorsorge in der Schweiz.

Die aktuellen Deckungsgrade der Vorsorgeeinrichtungen stellen immer nur eine Momentaufnahme dar. Das zeigt sich im Corona-Jahr überdeutlich: Ende 2019 war für die Schweizer Pensionskassen ein herausragendes Jahr mit durchschnittlichen Renditen von über 10 Prozent und Deckungsgraden von mehr als 110 Prozent. Drei Monate später war das alles Makulatur und nach neun Monaten der Corona-Crash wieder ausgebügelt. Gemäss dem Pensionskassenindex der Grossbank Credit Suisse wurden die pandemiebedingten Verluste egalisiert und der Index liegt exakt auf dem Stand von Ende 2019.

Viel wichtiger ist die langfristige Entwicklung. Und da liefert der dritte Beitragszahler einen überdurchschnittlichen Anteil. Für dem Zeitraum von 2008 bis 2017 beträgt der Anteil der Kapitalerträge an der Finanzierung der zweiten Säule 37,1 Prozent; 26 Prozent stammen von den Versicherten und 36,9 Prozent von den Arbeitgebern. Nach Berechnungen von Swisscanto würde eine Mehrrendite von 0,6 Prozentpunkten reichen, um die Renten aus der beruflichen Vorsorge zu sichern – trotz zu hohem Umwandlungssatz für den obligatorischen Teil der zweiten Säule und der längeren Lebensdauer der Versicherten. 

Der CS-Index ist seit seinem Start im Jahr 2000 von 100 auf aktuell 156,32 Punkte gestiegen. Das entspricht per 30. September einer annualisierten Rendite von 3,04 Prozent. Dem gegenüber steht eine annualisierte BVG-Mindestverzinsung von 2,18 Prozent. Auch über den Zeitraum von über 20 Jahren hat der dritte Beitragszahler die Erwartungen erfüllt.     

Noch gut jede siebte Pensionskasse in Unterdeckung

Laut Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge bleibt die Situation mittelfristig für viele Vorsorgeeinrichtungen herausfordernd.

Wegen der Corona-Pandemie betreibt die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) ein enges Monitoring zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen. Es werden monatlich Hochrechnungen erstellt, die auf den jeweiligen Anlagestrategien der Pensionskassen und der Entwicklung der Anlagemärkte basieren. Es fliessen dabei die Daten von 1342 Kassen mit einer Bilanzsumme von 762 Milliarden Franken in die Berechnungen ein.

Per Ende September lagen die kapitalgewichteten Deckungsgrade der Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie und ohne Vollversicherung bei 110,2 Prozent und damit praktisch wieder auf dem Niveau von Ende 2019 (111,6 Prozent). Die Anlagekategorie Aktien weist noch ein Minus von 1,6 Prozent aus, die Immobilien von -0,9 Prozent, während die Anleihen mit +1,6 Prozent performten.

Der Anteil der Vorsorgeeinrichtungen mit Unterdeckungen beträgt per Ende September kapitalgewichtet 7,5 Prozent. Ende März waren es noch 45,7 Prozent. Die Situation hat sich also deutlich verbessert; der Wert liegt aber über dem entsprechenden Anteil von 1,1 Prozent per Ende 2019.

Die OAK will denn auch keine Entwarnung geben: „Die Aufrechterhaltung der finanziellen Stabilität bleibt mittelfristig für viele Vorsorgeeinrichtungen herausfordernd.“ Und die Aufseher wiederholen ihre grundsätzliche Kritik am „unrealistisch hohen BVG-Mindestumwandlungssatz“ von 6,8 Prozent. Dieser führe zwangsläufig zu ungewollter Umverteilung von den Aktiven zu den Rentnern. 2019 waren es 7,2 Milliarden Franken.

Höchstleistung auf Kosten der Jungen

Das Beratungsunternehmen c-alm befürchtet, dass die geplante Reform der beruflichen Vorsorge deren Erfolgsgeschichte gefährdet.

Seit Jahren wird versucht, die Altersvorsorge in der Schweiz der demografischen Entwicklung anzupassen. Bisher erfolglos. In dieser Situation nützt Klientelwirtschaft nichts; es braucht eine sachliche Analyse. Diese liefern Roger Baumann und Silvan Gamper vom Beratungsunternehmen c-alm in seltener Klarheit.

Zur Ausgangslage: Als die berufliche Vorsorge (BV) 1985 für obligatorisch erklärt wurde, rechnete der Gesetzgeber mit der sogenannten „goldenen Regel“. Demnach sollte die Verzinsung der Altersguthaben dem Lohnwachstum entsprechen und so eine Rente von 34 Prozent des letzten im BV-Gesetz versicherten Lohnes erbringen. Diese Ersatzquote liegt seit 20 Jahren jedoch über 40 Prozent. Die Annahmen waren also zu konservativ; die Verzinsung übertraf das Lohnwachstum. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung und die Altersrenten werden aktuell um gut 5 Jahre länger ausbezahlt als bei Einführung der BV angenommen.

„Die BV hat die Erwartungen in der Vergangenheit also gleich in zwei Dimensionen übererfüllt“, halten die c-alm Experten fest. Doch das System stösst bereits seit einiger Zeit an seine Grenzen. Weil das Gesetz für den obligatorischen Teil des BV einen fixen Rentensatz vorschreibt, führt dies zu einer massiven Umverteilung. Konkret erhält ein Versicherter mit einem Altersguthaben von 300‘000 Franken und 6,8 Prozent Umwandlungssatz eine jährliche Rente von 20‘400 Franken. Dafür muss eine durchschnittliche Pensionskasse einen Betrag von 430‘000 Franken zurückstellen. Anders ausgedrückt, wird so jedem Neurentner ein lebenslanger Zins von 4,8 Prozent garantiert.

Milliardenteure Umverteilung

Das lässt sich im Tiefzinsumfeld nur über Umverteilung finanzieren. 2019 waren es insgesamt 7,8 Milliarden, die von den Aktiven zu den Rentnern umverteilt wurden. Diese planmässige Umverteilung widerspricht dem Kapitaldeckungsverfahren und strapaziert die Solidaritäten der Risikogemeinschaft. Trotzdem wurde das System seit über 15 Jahren nicht mehr grundlegend reformiert.  Dies hatte zur Folge, dass die meisten Pensionskassen mit etwa 85 Prozent aller Versicherten den Spielraum des Überobligatoriums nutzten und ihre Umwandlungssätze deutlich gesenkt haben. So lange sie das gesetzliche Minimum einhalten, dürfen sie das. Die Zeche zahlen dabei in der Regel die Arbeitgeber und die aktiv Versicherten.

Es gibt nun verschiedene Reformvorschläge, die das Leistungsniveau beibehalten und den Umwandlungssatz senken möchten. Doch keiner der Vorschläge sieht die Senkung auf einen versicherungstechnisch korrekten Ansatz vor. „Eine Umverteilung bleibt deshalb immer übrig, politisch scheint dies im Moment nicht anders möglich“, folgern die c-alm-Experten.

Ganz schlecht weg kommt in ihrem Urteil der Vorschlag des Bundesrates, dem politisch die grössten Chancen zugebilligt werden. Vorgesehen ist dabei ein umlagenfinanzierter Rentenzuschlag, der zwar eine Rentenreduktion um ein bis zwei Prozentpunkte mindert, die Umverteilung aber um eine weitere Milliarde Franken ausbaut und die Wirtschaft mit rund 700 Millionen Franken belastet. Baumann und Gamper rütteln daher am grossen Tabu in der Rentendiskussion: Jedes Vorsorgesystem sei irgendwann nicht mehr finanzierbar, wenn trotz steigender Lebenserwartung am bestehenden Rentenalter und gleichbleibenden Leistungen festgehalten werde.