Über eine Billion in der Zweiten Säule

Erstmals übersteigt die Bilanzsumme der betrieblichen Vorsorge in der Schweiz die Billionengrenze. Und das ohne die Verträge der Lebensversicherer.

Die aktuelle Pensionskassenstatistik der Schweiz für das Jahr 2019 belegt die wachsende Bedeutung der Zweiten Säule für die Altersvorsorge. Um der Aktualität nicht hoffnungslos nachzuhinken, veröffentlicht das Bundesamt für Statistik bereits die provisorischen Daten für das letzte Jahr. Innert 10 Jahren ist die Bilanzsumme der helvetischen Pensionskassen demnach von 621 Milliarden auf 1 003,8 Milliarden gestiegen. Dazu kommen noch 170 Milliarden aus den Versicherungsverträgen der Lebensversicherungen.

Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Vorsorgeeinrichtungen von 2 265 auf 1500 zurückgegangen. Die Tendenz ist seit Jahren sinkend. Die Statistik zählt 4,3 Millionen aktive Versicherte und 1,2 Millionen Rentner. Beiträgen und Einlagen von 58,8 Milliarden Franken stehen Leistungen von 40,6 Milliarden gegenüber. Der Saldo ist also nach wie vor positiv.

2019 war ein hervorragendes Anlagejahr. Das zeigt sich im Nettoergebnis der Vermögensanlage von 97 Milliarden; im Jahr zuvor resultierte ein Minus von 25,5 Milliarden Franken. Die Wertschwankungsreserven legten innert einem Jahr um 42 Milliarden auf 92,9 Milliarden zu. Wie wichtig dieses Polster ist, belegte der Börsentaucher durch die Corona-Krise. Mittlerweile haben sich die Märkte wieder erholt. Ende 2019 betrug die Unterdeckung der Pensionskassen total 36,4 Milliarden Franken.

Eine Unwucht im System dokumentiert die Zuordnung der Vorsorgekapitalien für Aktive und Rentner. Den 4,3 Millionen Aktiven entsprechen 477 Milliarden des Vorsorgekapitals, für die 1,2 Millionen Rentner sind es 384 Milliarden. Die technischen Rückstellungen machen 52 Milliarden aus. Diese Relationen sind zu einem grossen Teil den versicherungstechnisch zu hohen Umwandlungssätzen für die Renten geschuldet.

Wie veranlagen die Kassen die Vorsorgegelder? Aktien und alternative Anlagen machen 38,9 Prozent aus, Anleihen insgesamt 30,4 Prozent und Immobilien 20,2 Prozent. 4,6 Prozent halten die Einrichtungen in Cash. Die noch provisorischen Werte der Pensionskassenstatistik 2019 sind unter www.bfs.admin.ch abrufbar.    

Pensionskassen wieder auf dem Niveau von Ende 2019

Die Schweizer Pensionskassen haben den Corona-Crash vom März verdaut. Umwandlungssatz und Technischer Zins sinken weiter.

Am Tiefpunkt der Kurseinbrüche an den Aktienmärkten infolge der Pandemie von Ende März büsste ein durchschnittliches Pensionskassenportfolio zwischen -9,55 und -14,18 Prozent ein. Der technische Deckungsgrad tauchte zwischenzeitlich auf 97 Prozent. Per 28.9.2020 lag die durchschnittliche Rendite mit 1.08 bis 1,51 Prozent wieder im Plus und die Deckungsgrade stiegen wieder signifikant auf 111,5 Prozent an – sogar leicht über das Niveau von Ende 2019 (110 Prozent). Zu diesen Ergebnissen kommt eine Analyse der Geschäftsberichte von 289 Schweizer Pensionskassen mit einem kumulierten Vorsorgevermögen von 730 Milliarden Franken durch die Zürcher Beratungsfirma PPCmetrics.

Es ist eine Momentaufnahme. „Die zukünftige Entwicklung ist mit grosser Unsicherheit behaftet. Insbesondere das weiterhin rekordtiefe Zinsniveau stellt die Vorsorgeeinrichtungen vor grosse Herausforderungen“, halten die Autoren der Studie fest.

Laut PPCmetrics haben die Pensionskassen in einem schwierigen Umfeld ihre Hausaufgaben gemacht. Dank der stark positiven Anlagerenditen im 2019 hat sich die durchschnittliche Verzinsung für die Aktivversicherten auf 2,53 Prozent erhöht – auf den höchsten Wert der letzten 10 Jahre. Mehr als drei Viertel der erfassten Vorsorgeeinrichtungen gewährten eine Verzinsung über dem gesetzlichen Mindestzins von 1 Prozent. Die durchschnittliche absolute Rendite betrug 10,77 Prozent. Die Streuung war mit +1,8 bis +20,05 Prozent enorm.  

Grosse Unterschiede

Der technische Zinssatz – der Rechnungszins für das Kapital der Rentner – sank im letzten Jahr um weitere 0,23 Prozentpunkte auf 1,76 Prozent. Die Bandbreite der technischen Zinssätze ist allerdings nach wie vor gross und bewegt sich zwischen – 0,36 Prozent und 3,5 Prozent. Die Kasse mit dem tiefsten negativen Zins ist eine reine Rentnerkasse. Erstmals wendeten mehr Pensionskassen (rund 60 Prozent) die Generationentafel statt der Periodentafel an. Erstere berücksichtigt die Zunahme der Lebenserwartung genauer.

Die ausgewiesenen Umwandlungssätze betrugen per 1.1.2020 sowohl im Durchschnitt als auch im Median 5,56 Prozent. (1.1.2019: 5,75 Prozent). Bei rund 17 Prozent lag der Umwandlungssatz noch über 6 Prozent, während 18,5 Prozent einen Rentensatz von 5 Prozent und tiefer anwenden. Die Spannweite umfasst hier Sätze zwischen 3,5 und 7,2 Prozent. Die PPCmetrics-Berater errechnen einen ökonomisch neutralen Umwandlungssatz von 3,57 Prozent per Ende 2019, also deutlich tiefer als die durchschnittlich verwendeten Sätze. Dies bedeutet, dass für zukünftige Renten deutlich mehr Kapital benötigt wird, als bei der Pensionierung vorhanden ist.

Höchstleistung auf Kosten der Jungen

Das Beratungsunternehmen c-alm befürchtet, dass die geplante Reform der beruflichen Vorsorge deren Erfolgsgeschichte gefährdet.

Seit Jahren wird versucht, die Altersvorsorge in der Schweiz der demografischen Entwicklung anzupassen. Bisher erfolglos. In dieser Situation nützt Klientelwirtschaft nichts; es braucht eine sachliche Analyse. Diese liefern Roger Baumann und Silvan Gamper vom Beratungsunternehmen c-alm in seltener Klarheit.

Zur Ausgangslage: Als die berufliche Vorsorge (BV) 1985 für obligatorisch erklärt wurde, rechnete der Gesetzgeber mit der sogenannten „goldenen Regel“. Demnach sollte die Verzinsung der Altersguthaben dem Lohnwachstum entsprechen und so eine Rente von 34 Prozent des letzten im BV-Gesetz versicherten Lohnes erbringen. Diese Ersatzquote liegt seit 20 Jahren jedoch über 40 Prozent. Die Annahmen waren also zu konservativ; die Verzinsung übertraf das Lohnwachstum. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung und die Altersrenten werden aktuell um gut 5 Jahre länger ausbezahlt als bei Einführung der BV angenommen.

„Die BV hat die Erwartungen in der Vergangenheit also gleich in zwei Dimensionen übererfüllt“, halten die c-alm Experten fest. Doch das System stösst bereits seit einiger Zeit an seine Grenzen. Weil das Gesetz für den obligatorischen Teil des BV einen fixen Rentensatz vorschreibt, führt dies zu einer massiven Umverteilung. Konkret erhält ein Versicherter mit einem Altersguthaben von 300‘000 Franken und 6,8 Prozent Umwandlungssatz eine jährliche Rente von 20‘400 Franken. Dafür muss eine durchschnittliche Pensionskasse einen Betrag von 430‘000 Franken zurückstellen. Anders ausgedrückt, wird so jedem Neurentner ein lebenslanger Zins von 4,8 Prozent garantiert.

Milliardenteure Umverteilung

Das lässt sich im Tiefzinsumfeld nur über Umverteilung finanzieren. 2019 waren es insgesamt 7,8 Milliarden, die von den Aktiven zu den Rentnern umverteilt wurden. Diese planmässige Umverteilung widerspricht dem Kapitaldeckungsverfahren und strapaziert die Solidaritäten der Risikogemeinschaft. Trotzdem wurde das System seit über 15 Jahren nicht mehr grundlegend reformiert.  Dies hatte zur Folge, dass die meisten Pensionskassen mit etwa 85 Prozent aller Versicherten den Spielraum des Überobligatoriums nutzten und ihre Umwandlungssätze deutlich gesenkt haben. So lange sie das gesetzliche Minimum einhalten, dürfen sie das. Die Zeche zahlen dabei in der Regel die Arbeitgeber und die aktiv Versicherten.

Es gibt nun verschiedene Reformvorschläge, die das Leistungsniveau beibehalten und den Umwandlungssatz senken möchten. Doch keiner der Vorschläge sieht die Senkung auf einen versicherungstechnisch korrekten Ansatz vor. „Eine Umverteilung bleibt deshalb immer übrig, politisch scheint dies im Moment nicht anders möglich“, folgern die c-alm-Experten.

Ganz schlecht weg kommt in ihrem Urteil der Vorschlag des Bundesrates, dem politisch die grössten Chancen zugebilligt werden. Vorgesehen ist dabei ein umlagenfinanzierter Rentenzuschlag, der zwar eine Rentenreduktion um ein bis zwei Prozentpunkte mindert, die Umverteilung aber um eine weitere Milliarde Franken ausbaut und die Wirtschaft mit rund 700 Millionen Franken belastet. Baumann und Gamper rütteln daher am grossen Tabu in der Rentendiskussion: Jedes Vorsorgesystem sei irgendwann nicht mehr finanzierbar, wenn trotz steigender Lebenserwartung am bestehenden Rentenalter und gleichbleibenden Leistungen festgehalten werde.