Rettungsring für den Besenwagen

Der Auffangeinrichtung für die Zweite Säule in der Schweiz drohte Ungemach durch die Corona-Krise und Negativzinsen. Nun hat die Politik geholfen.

Die berufliche Vorsorge in der Schweiz verfügt mit der Auffangeinrichtung der Zweiten Säule über ein Auffangnetz für all jene Guthaben, die sonst nicht mehr geschützt wären. Vor allem Arbeitslose oder Personen ohne Pensionskassen-Lösung nützen das Angebot, das von Arbeitgebern und Gewerkschaften gemeinsam getragen wird.

Geriete die Auffangeinrichtung unter Druck, wäre dies für die Betroffenen fatal. Und schwindet das Vertrauen, könnte dies zu einem Ansturm auf die Stiftung führen. Diese ist gesetzlich verpflichtet, jedem Austretenden das volle Kapital mitzugeben. Doch wenn nichts mehr da ist, gibt es auch nichts mehr mitzugeben. Noch ist dies für die Auffangeinrichtung nur ein Szenario, denn die Bilanzsumme ist über die letzten Jahre stetig gewachsen und betrug Ende 2019 total 12,7 Milliarden Franken.

Was der Stiftung in den letzten Jahren zunehmend zu schaffen macht, sind die Negativzinsen der Nationalbank. Die Auffangeinrichtung darf die Gelder der Versicherten nicht mit Negativzinsen belasten. Bisher warfen die Kapitalmärkte ausreichend Rendite ab, um die Negativzinsen auf den Cash-Positionen zu kompensieren.

Corona-Schock als Mahnmal

Wie schmal jedoch der Grat ist, zeigte der Corana-Schock im Frühjahr. Der Deckungsgrad schrumpfte innert kurzer Zeit von 109 auf 102 Prozent. Inzwischen hat sich die Lage zwar verbessert, doch der Absturz offenbarte die Risiken für die Auffangeinrichtung. Gleichzeitig wird erwartet, dass viele Arbeitnehmende in der Pandemie noch ihre Stelle verlieren werden. Was wiederum den Druck auf den „Besenwagen“ der Zweiten Säule erhöht.

Nun haben die beiden Kammern des Schweizer Parlaments rasch reagiert und einem Vorschlag des Bundesrates zugestimmt: In den nächsten drei Jahren kann die Auffangeinrichtung sogenannte Freizügigkeitsgelder der Versicherten zinslos bei der staatlichen Tresorerie parkieren und so die Negativzinsen umschiffen. Diese Regelung gilt, wenn der Deckungsgrad unter 105 Prozent liegt. Die Auffangeinrichtung kann maximal 10 Milliarden beim Bund parkieren. Das zuständige Departement des Innern hat zudem den Auftrag erhalten, eine dauerhafte Lösung zu erarbeiten.    

Höchstleistung auf Kosten der Jungen

Das Beratungsunternehmen c-alm befürchtet, dass die geplante Reform der beruflichen Vorsorge deren Erfolgsgeschichte gefährdet.

Seit Jahren wird versucht, die Altersvorsorge in der Schweiz der demografischen Entwicklung anzupassen. Bisher erfolglos. In dieser Situation nützt Klientelwirtschaft nichts; es braucht eine sachliche Analyse. Diese liefern Roger Baumann und Silvan Gamper vom Beratungsunternehmen c-alm in seltener Klarheit.

Zur Ausgangslage: Als die berufliche Vorsorge (BV) 1985 für obligatorisch erklärt wurde, rechnete der Gesetzgeber mit der sogenannten „goldenen Regel“. Demnach sollte die Verzinsung der Altersguthaben dem Lohnwachstum entsprechen und so eine Rente von 34 Prozent des letzten im BV-Gesetz versicherten Lohnes erbringen. Diese Ersatzquote liegt seit 20 Jahren jedoch über 40 Prozent. Die Annahmen waren also zu konservativ; die Verzinsung übertraf das Lohnwachstum. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung und die Altersrenten werden aktuell um gut 5 Jahre länger ausbezahlt als bei Einführung der BV angenommen.

„Die BV hat die Erwartungen in der Vergangenheit also gleich in zwei Dimensionen übererfüllt“, halten die c-alm Experten fest. Doch das System stösst bereits seit einiger Zeit an seine Grenzen. Weil das Gesetz für den obligatorischen Teil des BV einen fixen Rentensatz vorschreibt, führt dies zu einer massiven Umverteilung. Konkret erhält ein Versicherter mit einem Altersguthaben von 300‘000 Franken und 6,8 Prozent Umwandlungssatz eine jährliche Rente von 20‘400 Franken. Dafür muss eine durchschnittliche Pensionskasse einen Betrag von 430‘000 Franken zurückstellen. Anders ausgedrückt, wird so jedem Neurentner ein lebenslanger Zins von 4,8 Prozent garantiert.

Milliardenteure Umverteilung

Das lässt sich im Tiefzinsumfeld nur über Umverteilung finanzieren. 2019 waren es insgesamt 7,8 Milliarden, die von den Aktiven zu den Rentnern umverteilt wurden. Diese planmässige Umverteilung widerspricht dem Kapitaldeckungsverfahren und strapaziert die Solidaritäten der Risikogemeinschaft. Trotzdem wurde das System seit über 15 Jahren nicht mehr grundlegend reformiert.  Dies hatte zur Folge, dass die meisten Pensionskassen mit etwa 85 Prozent aller Versicherten den Spielraum des Überobligatoriums nutzten und ihre Umwandlungssätze deutlich gesenkt haben. So lange sie das gesetzliche Minimum einhalten, dürfen sie das. Die Zeche zahlen dabei in der Regel die Arbeitgeber und die aktiv Versicherten.

Es gibt nun verschiedene Reformvorschläge, die das Leistungsniveau beibehalten und den Umwandlungssatz senken möchten. Doch keiner der Vorschläge sieht die Senkung auf einen versicherungstechnisch korrekten Ansatz vor. „Eine Umverteilung bleibt deshalb immer übrig, politisch scheint dies im Moment nicht anders möglich“, folgern die c-alm-Experten.

Ganz schlecht weg kommt in ihrem Urteil der Vorschlag des Bundesrates, dem politisch die grössten Chancen zugebilligt werden. Vorgesehen ist dabei ein umlagenfinanzierter Rentenzuschlag, der zwar eine Rentenreduktion um ein bis zwei Prozentpunkte mindert, die Umverteilung aber um eine weitere Milliarde Franken ausbaut und die Wirtschaft mit rund 700 Millionen Franken belastet. Baumann und Gamper rütteln daher am grossen Tabu in der Rentendiskussion: Jedes Vorsorgesystem sei irgendwann nicht mehr finanzierbar, wenn trotz steigender Lebenserwartung am bestehenden Rentenalter und gleichbleibenden Leistungen festgehalten werde.