PK-Forum Zürich: Schwere Zeiten für Kassen mit vielen Rentnern

Wer in einer rentnerlastigen Kasse versichert ist, hat oft schlechte Karten. Warum das so ist, darüber diskutieren Experten beim 2. institutional assets Swiss Pension Forum.

«Mit dem Zinsrutsch ist die Gefahr gestiegen, dass Pensionskassen ihre Rentner nachfinanzieren müssen. Der 2. Säule in der Schweiz fehlen so insgesamt 120 Milliarden Franken oder mehr», warnt Peter Zanella, PK-Experte beim Beratungsunternehmen Towers Watson. Streng mathematisch müssten manche Rentenzahlungen um einen Drittel gekürzt werden. Die Folgen wären Altersarmut und ein Kollaps des Rentensystems.

Der Vorschlag ist umstritten. Darüber wird ein Experten-Panel mit Peter Zanella als Teilnehmer am 2. institutional assets Swiss Pension Forum vom 28.Oktober 2020 in Zürich diskutieren. Dieses Jahr findet das Forum wegen der Corona-Pandemie als Digitalkonferenz statt. Zweiter Themenschwerpunkt ist “Next Generation SAA“ mit Fragen zur strategische Asset Allocation und zukunftsgerechten ALM-Modellen für Schweizer Pensionskassen. Wie breit müssen Kassen diversifizieren? Was muss das Risikomanagement dabei leisten? Gelten neue ESG-Paradigmen?

Die Zweitauflage des institutional assets Swiss Pension Forum möchte die aktuellen Entwicklungen und langfristigen Herausforderungen der 2. Säule in der Schweiz aufgreifen, mit allen am Prozess Beteiligten diskutieren und konstruktiv nach Lösungen suchen. Für das Konferenzprogramm sind die Redakteure des Fachverlags der Frankfurt Allgemeinen Zeitung verantwortlich. Werden Sie Teil des Diskurses und melden Sie sich an unter www.institutional-assets.com>swiss-pensions-forum

Ein Milliarden-Loch bei Staatskassen
 
Den Pensionskassen von Kantonen und Gemeinden fehlen rund 40 Milliarden Franken. Konservativ gerechnet.
 
Für Jérôme Cosandey, Pensionskassenspezialist der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Avenir Suisse, ist es ein „fauler und sehr teurer Kompromiss“. Mit der sogenannten Strukturreform wollte der Gesetzgeber die öffentlich-rechtlichen Kassen bis 2014 verselbständigen und bis 2024 voll kapitalisieren. Weil vielen dieser Kassen jedoch ganz viel Geld fehlte, einigte man sich auf ein Modell, das die Steuerzahler wohl viel teurer kommen wird, als damals gedacht.
 
Für 38 staatliche Kassen von Kantonen und Gemeinden gilt seither eine Staatsgarantie, sprich Vater Staat steht notfalls für die Verpflichtungen gerade. Diese Kategorie umfasst sowohl Kassen, die eine Vollkapitalisierung anstreben, wie auch solche mit einer Teilkapitalisierung. Letztere peilen einen Zieldeckungsgrad zwischen 80 und 100 Prozent an und können sich dafür bis 2052 viel Zeit lassen. Die Staatsgarantie fällt erst weg, wenn genügend Wertschwankungsreserven gebildet sind. Für eine Vollkapitalisierung sind Deckungsgrade um 120 Prozent nötig.
 
Wie viel Geld den PKs von Kantonen und Gemeinden fehlt, lässt sich im Moment nur ungefähr abschätzen – zu wild ist die Achterbahnfahrt der Finanzmärkte während der Corona-Krise. Gemäss Berechnungen von Avenir Suisse per Ende 2018 fehlen den Kassen der Kantone und zehn grössten Städte für eine Deckungsgrad von 100 Prozent insgesamt 41,7 Milliarden Franken. Wertschwankungsreserven für schlechten Anlagejahre sind nicht erfasst.
 
Besonders explosiv ist die Situation im Welschland. Allein in der Kasse des Kantons Waadt fehlen pro Versicherten fast 190‘000 Franken. Ähnlich kritisch steht es zum Beispiel in der Stadt Lausanne, wo 171‘000 Franken für jeden einzelnen Versicherten fehlen. Warum die Westschweizer ihre Staatsangestellten so pfleglich behandeln, erklärt sich Jérôme Cosandey so: „Die Romands haben ein anderes Staatsverständnis wie die Deutschschweizer.“ Und die Gewerkschaften seien stärker und verteidigten ihre Pfründen besser. Und: „Einige Kantone und Gemeinden nutzen die Teilkapitalisierung als Schlupfloch und lassen den nötigen Antrieb zur Sanierung vermissen.“ Man gehe den Weg des geringsten Widerstands und verlagere die Schulden auf die nächste Generation.

Vorsorge-Index auf Tiefststand
 
Die Corona-Krise hinterlässt im Vorsorge-Index der Grossbank UBS tiefe Spuren.
 
Nach einer Verschnaufpause durch das gute Anlagejahr 2019 hat sich die Talfahrt des UBS-Vorsorgeindex im ersten Halbjahr 2020 wieder beschleunigt und liegt aktuell auf einem Allzeittief. Am schwersten wog der Einbruch der Konjunktur, wofür die schlechten Arbeitsmarktdaten, höhere Schulden und eine rasant einbrechende Wirtschaftsdynamik verantwortlich waren. Alle Subindizes weisen nach unten.
 
Eine der grössten Herausforderungen des Schweizer Vorsorgesystems ist die Alterung der Bevölkerung. Sie kommt im Altersquotient zum Ausdruck. Die Rentnerpopulation nahm in den letzten Jahren rasch zu und tut dies auch in Zukunft. Immer mehr Personen der geburtenstarken Babyboomer- Generation erreichen das Rentenalter, während die Wachstumsrate der Erwerbstätigen stagniert. Dabei stieg die Geburtenrate im Vergleich zum Durchschnitt der Vorquartale leicht an und auch die Migration verläuft dynamischer. Laut UBS-Vorsorgeindex reicht das jedoch nicht aus, um das System nachhaltig zu gestalten.
 
Einen kleinen Lichtblick erkennt die Grossbank beim Subindex Reformen. In der Sommersession des Parlaments wurde eine Motion angenommen, die in naher Zukunft den nachträglichen Einkauf in die freiwillige 3. Säule erlauben wird. Dies erhöht den Anreiz für die privaten Vorsorgesparer. Noch nichts entschieden ist beim grossen Brocken der Reform der 2.Säule. Das politische Prozedere verzögert sich aufgrund der Corona-Krise.